WELTVERFOLGUNGSINDEX 2012

WELTVERFOLGUNGSINDEX 2012

Wo Christen am stärksten verfolgt werden

Die ersten zehn Länder im

Platz 1: Nordkorea

Zum zehnten Mal in Folge belegt Nordkorea Platz 1 auf dem Weltverfolgungsindex (WVI) als das Land, in dem Christen wegen ihres Glaubens am stärksten verfolgt werden. Auch nach dem Tod des langjährigen Machthabers Kim Jong Il im Dezember 2011 und dem damit einhergehenden Führungswechsel geht Open Doors nicht von einer Verbesserung der Situation für die Menschen im Allgemeinen und insbesondere für die Christen aus. In dem abgeschotteten Land müssen alle Menschen einem strengen Perso- nenkult um den 1994 verstorbenen Staatsgrün- der Kim Il Sung – er gilt noch immer als «ewiger Präsident» – und seinen Sohn Kim Jong Il («ge- liebter Führer») folgen. Jedwede Regimekritik oder Auflehnung wird hart bestraft; in der Regel mit Arbeitslager. Die 200.000 bis 400.000 Chris- ten können ihren Glauben nur im Verborgenen – im «Untergrund» -und unter strengen Sicher- heitsvorkehrungen leben. Für April 2012 hat die Regierung zum 100. Geburtstag von Kim Il Sung ein Fest «epischen Ausmaßes» angekündigt. Eine Feier, die sich das verarmte Land eigentlich nicht leisten kann. Das nordkoreanische Volk hat Hilfe von außen dringend nötig. Einigen Organi- sationen wurden Hilfsmaßnahmen im Land genehmigt. Berichten zufolge kam es im WVI- Berichtszeitraum zu zahlreichen Verhaftungen von Christen. Doch trotz harscher Verfolgung ist es dem Regime zu keinem Zeitpunkt gelungen, die Gemeinde Jesu im Untergrund auszulöschen. Im Gegenteil: Heute sind die Hausgemeinden besser vernetzt als je zuvor und können sich gegenseitig ermutigen.

Platz 2: Afghanistan

Das muslimisch geprägte Land rückte einen Platz nach vorn. Zehn Jahre nach dem Ende des Tali- ban-Regimes hat sich die Lage insbesondere für Christen kaum verbessert. Obwohl die Regie- rung internationale Abkommen unterzeichnet und sich verpflichtet hat, die Religionsfreiheit zu schützen, kann sie die grundlegendsten Prinzi- pien dieses Rechts nicht gewährleisten. Heute gibt es in Afghanistan keine öffentliche Kirche mehr. Gefährdet sind vor allem afghanische Christen muslimischer Herkunft. Sie halten ihren Glauben geheim. Andernfalls müssen sie als «Abtrünnige» vom Islam mit der Verfolgung durch die eigene Familie sowie durch Behörden und muslimische Geistliche rechnen und im schlimmsten Fall sogar mit ihrer Ermordung. Auf einer Internetseite haben die Taliban im Okto- ber 2011 allen Christen im Land den Vernich- tungskampf angesagt. Insbesondere christliche  Entwicklungshelfer sind im Visier von Aufständischen.

Platz 3: Saudi-Arabien

Wenngleich das streng islamische Land weiter auf einem vorderen Platz steht, gibt es Zeichen der Hoffnung: Die Zahl der Christen muslimi- scher Herkunft in dem Königreich nimmt zu. Sie halten ihren Glauben geheim, denn bei Entde- ckung droht ihnen die Todesstrafe. Saudi- Arabien folgt einer sehr strengen Form des sun- nitischen Islam: dem Wahhabismus (benannt nach einem religiösen Führer aus dem 18. Jahr- hundert). Das herrschende Königshaus sieht sich als Hüter der beiden heiligsten Städte des Islam und damit berufen, durch die strenge Durchset- zung des Islam die Reinheit der Religion zu wah- ren. Religionsfreiheit gibt es nach dieser Haltung nicht. Auf den Abfall vom Islam (Apostasie) steht die Todesstrafe. Jegliche öffentliche nicht- muslimische Anbetung ist verboten. Öffentliche christliche Kirchen sind nicht erlaubt. Open Doors erreichten Berichte von einigen Christen, die um ihres Glaubens willen körperlich verletzt wurden. Zahlreiche Christen sind aufgrund der anhaltenden Repressionen und Verfolgung be- reits aus dem Land geflohen. In einigen Fällen bestand Lebensgefahr. Aufgrund etlicher Ver- haftungen im Jahr 2011 ist Saudi-Arabien auf dem WVI um einen Platz vorgerückt.

Platz 4: Somalia

Somalia ist einen Platz nach vorn gerückt. Hauptquelle der Verfolgung ist der islamische Extremismus. Von offizieller Seite her gibt es keine somalischen Christen. Und doch bekennen sich hunderte Somali muslimischer Herkunft zum christlichen Glauben, den sie jedoch nur heimlich im «Untergrund» ausleben können. Sie sind daher nicht in kirchenähnlichen Strukturen organisiert. Häufig sind die kleinen Hausgruppen verstreut. Die größte bekannte Gemeinschaft dieser Art besteht aus fünf Mitgliedern. Für El- tern ist es zu gefährlich, ihre Kinder christlich zu erziehen. Bei Entdeckung durch Islamisten droht ihnen und ihren Eltern der Tod. Insbesondere die Al Shabaab-Miliz gewinnt an Stärke und kontrolliert weite Teile des Landes im Süden. Zahl- reiche Menschen sind aufgrund der Hungersnot sowie aus ethnischen und politischen Gründen, aber auch wegen ihres christlichen Glaubens aus dem Land geflohen. Somalia hat eine Übergangsregierung, die auf dem islamischen Recht (Scharia) basiert. Eine Mäßigung erfährt die strikte Anwendung der Scharia jedoch dadurch, dass die Übergangsregierung die internationale Gemeinschaft braucht, um ihre Macht zu erhalten.

Platz 5: Iran

Die religiös motivierte Verfolgung von Minder- heiten im islamisch geprägten Iran hat sich seit dem Jahr 2005 verschlimmert. Über 200 Chris- ten sind im Berichtszeitraum verhaftet worden. Im Oktober 2010 hatte der oberste geistliche Führer des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, in einer öffentlichen Ansprache vor der Gefahr durch wachsende Hauskirchen im Land gewarnt. Auch Geheimdienstminister Heydar Moslehi soll im Oktober und November 2011 vor der Bedrohung durch christliche Hauskirchen und anderer christlicher Aktivitäten gewarnt haben. Armeni- sche und assyrische Christen gehören zu den anerkannten religiösen Minderheiten im Iran, denen Religionsfreiheit garantiert wird. Den- noch berichten auch sie von Repressionen und Diskriminierung. Religionswächter bespitzeln Gottesdienste traditioneller, genehmigter Kir- chen auf der Suche nach Konvertiten. Traditio- nellen Christen ist es zudem verboten, Konverti- ten zu unterstützen. Wird diese Anordnung nicht befolgt, droht die Schließung der Kirche. Nach Ansicht der Regierung kann ein Muslim seinen Glauben nicht wechseln: Ein ethnischer Perser ist und bleibt ein Muslim, so die offizielle Sicht. Die öffentliche christenfeindliche Rhetorik hochrangiger Amtsträger ist auch für die gestie- gene Zahl von Festnahmen von Christen ver- antwortlich. Zwar kamen die meisten Festge- nommenen später wieder frei, doch der Druck auf die Hausgemeinden aus Christen muslimi- scher Herkunft bleibt unvermindert hoch. Trotz des harten Kurses der Regierung und islamischer Geistlicher gründen Konvertiten jedoch immer neue Hausgemeinden. Konvertiten aus dem Islam bilden die Mehrheit der christlichen Min- derheit im Iran. Mehr als drei Viertel der Chris- ten im Land sind ehemalige Muslime.

Platz 6: Malediven

Die maledivische Regierung sieht sich selbst als Beschützerin und Verteidigerin des Islams. Da jeder Bürger der Malediven zum islamischen Glauben verpflichtet ist, sind alle abweichenden religiösen Überzeugungen streng verboten. Die Regierung unterscheidet nicht zwischen nationalen und ausländischen Christen. Die wenigen einheimischen Christen muslimischer Herkunft können sich nicht öffentlich versammeln, ge- schweige denn gemeinsam anbeten. Während die Behörden alle religiösen Aktivitäten, die sie als verdächtig ansehen, genau überwachen, bleibt auch der Druck durch die Gesellschaft außerordentlich hoch. Malediver unterstützen die repressive Politik der Behörden, denn sie sehen Religionsfreiheit lediglich als Freiheit an, den Islam berührende religiöse Themen zu dis- kutieren. Zum vergangenen Berichtszeitraum hat sich nichts Wesentliches verändert, und die Einstufung bleibt dieselbe wie im WVI 2011.

Platz 7: Usbekistan

Zum fünften Mal in Folge ist Usbekistan unter den ersten zehn Ländern im WVI und damit das am höchsten eingestufte zentralasiatische Land. In dem autoritär regierten Staat setzt das Re- gime auf Machterhalt. Religiöse Aktivitäten werden genau beobachtet. Behörden und Sicherheitskräfte gehen rigoros gegen jede Art von vermeintlichen Extremismus oder subversi- ven Aktionen vor. In der jüngeren Vergangen- heit waren davon verstärkt christliche Gemein- den betroffen. Nach negativen Medienberichten über Christen wuchs auch in Teilen der Gesell- schaft die Feindseligkeit gegenüber Christen muslimischer Herkunft. Die Überwachung christ- licher Aktivitäten ist intensiviert worden. Aktivi- täten staatlich nicht registrierter Gemeinden sind streng verboten; dazu gehören auch Jugendprojekte und soziales Engagement sowie Schulungen von Pastoren etc. Treffen im privaten Kreis werden geduldet. Bibelstunden oder Gebetsversammlungen stehen jedoch immer in der Gefahr, von Sicherheitskräften unterbunden zu werden. Auch staatlich anerkannte Gemein- den leiden unter zunehmenden Hausdurchsu- chungen. Gemeindemitglieder wurden mit Geldbußen belegt und schikaniert. Insbesondere Jugendveranstaltungen stehen im Visier staatlicher Behörden; christliche Jugendliche werden eingeschüchtert. In den vergangenen zehn Jah- ren wurde nur einer einzigen christlichen Gemeinde die Registrierung gewährt. Die Einfuhr von Bibeln und anderer christlicher Literatur ist verboten, ebenso wie die Herstellung im Land selbst.

Platz 8: Jemen

Der Jemen ist politisch sehr instabil. Terroristi- sche Bewegungen und die regierungskritischen Proteste im Jahr 2011 haben die Lage weiter verschlechtert. Es kam zu Entführungen von Ausländern. Gewöhnlich endeten sie mit Löse- geldzahlungen. Vier der im Juni 2009 ver- schleppten neun ausländischen Christen werden weiterhin vermisst. Aufgrund der unruhigen und gewaltbelasteten Lage im Jemen hatte Open Doors nur eingeschränkt Zugang zu dem Land. Dies hat zur Folge, dass weniger Informationen über die Situation der Christen verfügbar sind. Daher hat sich die Einstufung des Jemen im Jah- resvergleich um einen Platz verbessert.

Platz 9: Irak

Der Exodus irakischer Christen hält weiter an. In den vergangenen zehn Jahren hat die Zahl der Christen im Land dramatisch abgenommen. In- stabilität, Konflikte zwischen den religiösen Eth- nien, Bombenanschläge und anhaltender Terror gegen religiöse Minderheiten beherrschen die Berichte aus dem Irak. Die irakische Regierung ist nicht im Stande, Rechtsstaatlichkeit durchzu- setzen und ein Mindestmaß an Sicherheit zu gewährleisten. Die Korruption steigt auf allen Ebenen stark an. Laut Verfassung ist der Islam Staatsreligion und Quelle der Gesetzgebung. Kein Gesetz darf gegen die Lehren des Islams und die anerkannten Überlieferungen versto- ßen. Demnach leben Muslime, die Christen wurden, gefährlich. Denn nach islamischer Rechtsauffassung wird die Abkehr vom Islam bestraft. Hierfür kann die Todesstrafe verhängt werden, was im Irak von staatlicher Seite bisher aber nicht geschehen ist. Weiter wird verfas- sungsrechtlich Glaubens-, Religions- und Gewis- sensfreiheit für alle Bürger garantiert – explizit erwähnt werden dabei Christen, Yeziden und Mandäer (Sabäer). Wenngleich der Terror von- seiten islamischer Extremisten anhält, gab es weniger Berichte über Opfer als im vergangenen Berichtszeitraum. Jedoch werden Christen wei- ter bedroht, beraubt, vergewaltigt oder entführt sowie Kirchen angegriffen. Eine neue Entwick- lung ist die Verschlechterung der Lage der Chris- ten im nördlichen Teil des Landes, in den Auto- nomen Kurdengebieten. Auch dort ist die Ge- walt gegen Christen auf dem Vormarsch. Die Hauptursache liegt auch hier im islamischen Extremismus.

Platz 10: Pakistan

Für traurige Schlagzeilen sorgte Pakistan im Jahr 2011 nicht nur wegen der Ermordung zweier hochrangiger Politiker, die die berüchtigten Blasphemiegesetze kritisiert hatten. Christen sind in dem islamisch geprägten Land schon lange eine bedrängte Minderheit. Sie machen nahezu drei Prozent der Bevölkerung aus. Alle anderen sind Muslime. Morddrohungen gehören für Pastoren und Gemeindeleiter zum Alltag. Fast jeden Monat kommt es zu tätlichen Angrif- fen und der Beschädigung kirchlicher Immobilien. Der Druck kommt von mehreren Seiten. Islamische militante Organisationen und eine auf den Regeln des Islams basierende Kultur machen sie zu Bürgern zweiter Klasse. Gleichzei- tig gewährt ihnen Pakistans Gesetzgebung eine gewisse Freiheit, etwa Kirchen zu betreiben. Die christliche Minderheit wächst. Immer wieder treten einzelne Muslime christlichen Gemeinden bei, insgesamt in bemerkenswerter Zahl. Doch der Trend zeigt eine Verschlechterung der Lage für Christen in Pakistan. In diesem WVI rückt es unter die zehn ersten Länder vor.

Weitere Informationen unter: www.via-dolorosa.de


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